Warum «Dienst nach Vorschrift» kein Karrierekiller ist
Veröffentlicht am 26.01.2026 von Henrik Jasek, Leiter Classifieds CH Media - Bildquelle: Getty Images
«Dienst nach Vorschrift» hat in der Arbeitswelt einen schlechten Ruf. Wer pünktlich geht, Überstunden kritisch sieht und klare Grenzen zieht, gilt schnell als wenig engagiert. Gleichzeitig gehören unbezahlte Mehrstunden vielerorts zum guten Ton – insbesondere dort, wo flexible Arbeitszeiten oder Vertrauensarbeitszeit gelten. Was als Freiheit verkauft wird, entpuppt sich im Alltag jedoch nicht selten als Einbahnstrasse.
In vielen Jobs teilen Mitarbeitende ihre Arbeitszeit selbst ein, Überstunden werden pauschal abgegolten oder gar nicht erfasst. Problematisch wird dieses Modell, wenn Arbeitsmenge und verfügbare Zeit dauerhaft nicht zusammenpassen. Die Folge ist Selbstausbeutung: Arbeitstage werden länger, Erholungsphasen kürzer, ein Ausgleich findet kaum statt.
Zwar ist die durchschnittliche Arbeitszeit in den letzten Jahrzehnten gesunken. Gleichzeitig haben flexible Arbeitsmodelle dazu geführt, dass Mehrarbeit zunehmend unsichtbar wird – besonders bei wissensintensiven Tätigkeiten. Viele Überstunden verschwinden informell, die Hoffnung auf spätere Kompensation bleibt oft unerfüllt. Für Menschen mit hoher intrinsischer Motivation funktioniert das eine Zeit lang. Doch nicht alle wollen oder können ihr gesamtes Leben dem Job unterordnen.
Genau hier setzt die Neubewertung von «Dienst nach Vorschrift» an. Gemeint ist damit nicht Arbeitsverweigerung, sondern verlässliche, saubere Arbeit innerhalb der vereinbarten Rahmenbedingungen. Diese Mitarbeitenden bilden das Rückgrat vieler Organisationen: Sie erledigen ihre Aufgaben zuverlässig, ohne grosse Inszenierung, ohne Dauerstress und ohne permanente Selbstdarstellung.
Problematisch ist weniger diese Haltung als vielmehr die unausgesprochene Erwartung, ständig verfügbar zu sein. Überstunden dienen oft als Signal für Leistungsbereitschaft, während Ergebnisse in den Hintergrund rücken. Wer sichtbar lange im Büro bleibt, gilt als engagiert – selbst dann, wenn Effizienz und Output darunter leiden.
Eine gesunde Arbeitskultur müsste genau hier ansetzen: Anerkennung sollte nicht an Präsenz gekoppelt sein, sondern an Resultate. Wertschätzung verdienen jene, die ihre Aufgaben effizient erledigen, Verantwortung übernehmen und daneben ein Privatleben führen. Das erfordert Mut, denn wer Grenzen setzt, riskiert, als wenig ambitioniert wahrgenommen zu werden.
Langfristig profitieren jedoch beide Seiten davon. Mitarbeitende behalten Energie und Motivation, Unternehmen gewinnen Stabilität statt kurzfristiger Selbstausbeutung. «Dienst nach Vorschrift» ist damit kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Plädoyer für Nachhaltigkeit, Fairness und eine realistische Definition von Leistung.